Roman eines Schicksallosen

Ein Buch über den Holocaust. Aus der Sicht eines 15-jährigen. Biografisch. Schon wieder, denkt man. Denkt man.

Dieses Buch ist anders. Wirklich anders. Nobelpreis 2002, über die ZEIT gefunden. Schon ein paar Mal drüber gestolpert, nie für voll genommen. Dann doch gekauft und gelesen.

Doch warum anders? Nun, es wertet nicht. Es ist anstößig nüchtern, wertfrei, dabei aber nicht kalt: Der kleine Junge aus Ungarn wird kurz nach seinem Vater “abgeholt”; seine Mutter bleibt zurück, er wird von seiner Familie getrennt. Man sollte meinen, er zerbricht bereits daran. Doch keineswegs. Er denkt nicht daran, nie, auch nicht in der schlimmsten Situation. Er ist von einem kindlichen Optimismus, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Völlig befreit erzählt er, wie er log, dass keinen er “Durchmarsch”  (Durchfall) habe. Er sagt, er weiß dass ein “Ja” ihm das Leben gekostet hätte, doch sucht man nach Worten wie “Glück gehabt” oder “erleichtert” im ganzen Werk vergebens. Sein Optimismus mündet in einer absurden emotionalen Gleichgültigkeit, die ihm aber das Leben rettet: Er will es den Wärtern in Zeitz, dem Lager, wo er schlussendlich landet, nur recht machen. Nicht um sich Strafe zu ersparen oder besseres Essen zu erkämpfen, sondern um sein Leben zu bewahren. Er passt sich an, müpft nicht auf, triggert fast schon bürgerliche Werte wie Ehre oder Effizienz, die für ihn das Leitmotiv von Auschwitz sind. Auch keine Erleichterung, als er den Öfen entgeht. Keine Wertung, wie grausam er es findet, dass er, als er krank wird, auf den Lastwagen geworfen wird für den Transport. Kein Stein, der ihm vom Herzen fällt, als sein Lager befreit wird.

Durch diesen Schutzschild seines Inneren wird dieses Buch sehr körperlich in der Darlegung der Greueltaten – es ist sozusagen objektiviert. Der jungen Seele kann keine Greueltat etwas anhaben, sie schafft es, sich vollkommen abzuwiegeln. Das macht das Buch sozusagen lesbarer, da man nicht permanent mit dem subjektiven Eindrücken einer Einzelperson zu schaffen hat, die einem den Blick auf die Essenz versperren. Kertesz schafft einen sehr klaren Draht zu seinem Inhalt, durch eine Sprache, die man nur schwer beschreiben kann, die völlig desillusioniert, gefühlsentleert ist, unkünstlerisch, ohne wirkliche Regeln, reduziert. Aber dieses lesbar ist nur der erste Eindruck. Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr wird einem die perfide Absurdität erst bewusst, die Kertesz betreibt. Zu sehen besonders an diesen zwei Sätzen, unter den meiner Meinung nach wohl anrüchigsten im ganzen Werk:

Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich: wenn es aber die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal, das heißt also: wir selbst sind das Schicksal [...] ich könne die dumme Bitterniss nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen

Was der Satz aussagt, ist mir auch nach mehrmaligem Durchlesen nicht klar, ich denke mir nur: Man selbst ist sein Schicksal, und die dadurch entstehende Unfreiheit ist verkörpert durch Auschwitz, das – siehe oben – die Verkörperung bürgerlicher Ideale ist. Die Erkenntnis, das man nur aufgrund seiner Herkunft nach Auschwitz deportiert wurde, lässt eben eine dumme Bitterniss zurück, da man selbst doch eigentlich seines Schicksals verantwortlich sein sollte.

Doch nein, dieser Umstand macht einen schicksalslos, und die Bürgerlichkeit zum “Sündenbock”, da sie als Symbol für die Freiheitsberaubung angesehen wird. Eine erdrückende Erkenntnis.

  1. Julians Bruder – Ein wundervolles Buch. Steht auch bei mir im Regal.

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